Rhodos – Auf den Spuren von Antike und Mittelater

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Auf Rhodos hat die Sonne ihren festen Ankerplatz. An 300 Tagen im Jahr scheint sie hier – so sicher wie das Amen in der Kirche. Kein Wunder also, daß die vor der Südwestküste der Türkei gelegene Insel Jahr für Jahr Urlauber aus aller Welt wie ein Magnet anzieht. Sie alle begeistert die Insel mit ihren großzügigen Badestränden, sanften Hugellandschaflen und einmaligen historischen Sehenswürdigkeiten. In den Straßen pulsiert das Leben, in den Hotelzentren ist das Freizeitangehot nahezu unbegrenzt. Nur noch der Süden der Insel bietet eine erholsame Ruhe.

Zuerst zitterte die Erde, dann bebte sie noch ein bißchen: Es dauerte nur wenige Minuten, da hatte Rhodos seinen Koloß, eines der Sieben Weltwunder der Antike, verloren. Die etwa 32 Meter hohe Bronzestatue des Sonnengottes Helios, die vermutlich am Hafen von Rhodos als Leuchtturm aufgerichtet wor- den war stürzte bei einem Erdbeben ein. So geschehen im Jahre 225 vor Christus. Heute gibt es in der Rhodos-Stadt drei Hafen. Und kein Weltwunder mehr, sondern nur noch ein schlichter Hirsch samt bronzener Hirschkuh schmückt die Einfahrt zum malerischen Mandrakihafen.

Windmühlen und eine alte Befestigungsanlage locken zu einem Bummel über die langgezogene Mole, vor der mondäne teure Jachten und kleine Segelboote einträchtig nebeneinander im Wasser schaukeln. Südlich des Hafens von Rhodos-Stadt erhebt sich hinter einem Palmengiirtel die Ritterstadt mit ihrer mittelalterlichen Stadtmauer und dem alles überra- genden Großmeisterpalast. Das imposante Gebäude erinnert an die Kreuzfahrerzeit, als auf Rhodos mehrere Jahrhunderte lang der Ritterorden der Johanniter herrschte. Zwischen 1912 und 1940 bauten die Italiener, zuletzt unter Mussolini, den Palast neu auf. Von der Zitadelle und der vier Kilometer langen Stadtmauer hat man einen herrlichen Blick auf das quirlige, bunte Leben in der Altstadt.

Durch die verwinkelten Gassen drängen sich Menschenmassen. Unzählige Boutiquen und kleine Souvenirläden wechseln sich mit lauten Tavernen und überfüllten Straßencafés ab. Dazwischen die stummen Zeugen der wechselhaften Geschichte dieser Insel: das türkische Bad, die Suleiman-Moschee, das Johanniter-Hospital, in dem heute das archäologische Museum untergebracht ist, oder die Kirche Agios Georgios: Sie alle erinnern an die fremden Herrscher und Eroberer, die Rhodos seit der Antike heimgesucht haben. Einem Belagerungszustand gleicht das tägliche Leben der etwa 90 000 Rhodier auch heute noch: Wie Heuschreckenschwärme fallen die sonnenhungrigen Touristen hier jeden Sommer ein. Ihr Geld hat Rhodos Wohlstand und inzwischen auch schon die ersten Millionäre beschert.

Freilich ging das an der Insel und ihren Bewohnern nicht spurlos vorüber. Ein Schicksal, das Rhodos init vielen anderen Ferieninseln des Ägaischen Meeres teilt, das traurig macht und bedenklich stimmt. Da alle Schönheit irgendwann einmal ein Ende hat. wenn sie überstrapaziert wird. Auf dem Weg von der Ritterstadt zu den großen Hotelanlagen an der Nordspitze der Insel durchquert man die Neustadt mit dem Neuen Markt, dessen eigentümlicher Charme sich keineswegs hinter dem Zauber der Altstadt verstecken muß. Hier geht es zu wie auf einem orientalischen Basar: Obst- und Gemüsehändler preisen lautstark ihre Waren an. Aus den Tavernen und Kneipen dröhnt Musik und diverse Essensgerüche umschmeicheln die Nase. Ins Auge stechen die vielen prächtigen Bauten.

Eine Perle unter diesen Hinterlassenschaften ist der Fischmarkt von Rhodos, der im Innenhof des Marktes unter der Dachkuppel eines sakral anmutenden Pavillons untergebracht ist. Die überschaubare Größe von Rhodos – 77 Kilometer ist die Insel lang, bis zu 38 Kilometer breit – bietet die Möglichkeit, das Eiland von Norden aus in Etappen oder auf Tagestouren zu entdecken. Sogar eine Rundfahrt ist möglich, da die Ringstraße im Süden inzwischen Plimiri mit Agios Paulus verbindet. Ob man die Insel in westlicher oder östlicher Richtung umrundet, macht keinen Unterschied. An beiden Küstenstreifen ziehen sich kilometerweit riesige Hotelkomplexe, wahre Bettenburgen, an der Straße entlang. Hier fordert der Pauschaltourismus erbarmungslos wie überall seinen Tribut. Die Feriengäste, die sich an den Stränden tummeln und drängen, könnten eigentlich genausogut unter der Sonne von Rimini braten: Liegestuhl an Lıegestuhl, Sonnenschirm an Sonnenschirm. Wer Stille und noch ein Stück Ursprunglichkeıt sucht, muß tief in den Süden vordrıngen oder die belebten Küstenregionen verlassen und ins ruhigere Inselinnere abbiegen.

Hier bieten sich zwischen sanften Hügeln herrliche Wandermöglichkeiten durch ausgedehnte Kiefern- und Zypressenwälder. Auch einige Orchideenarten gedeihen auf Rhodos, die man beim Wandern durch die Naturlandschaft noch beobachten kann. Im Frühling sind die Wiesen von unzähligen wilden Bergblumen übersät. Die Besteigung des höchsten Berges der Insel – des Attaviros im Südwesten, ist eine besondere Herausforderung, der sich jedoch nur geübte Kletterer stellen sollten. Vom 1215 Meter hohen Gipfel bietet sich bei gutem Wetter ein phantastischer Blick über Rhodos bis hin zur Nachbarinsel Karpathos. Allerdings ist Vorsicht geboten: Hier oben kommt leicht Nebel auf, in dem man die Orientierung verliert.

Auf ein kleines Naturwunder trifft man in Petaloudes, dem Schmetterlingstal der Insel. Hier lassen sich, angelockt vom würzigen Duft des Harzes der Storaxbäume, Jahr für Jahr zwischen Juni und September ganze Schwärme einer seltenen Nachtfaltersorte nieder. Das Tal wird in dieser Zeit allerdings zu einem wahren Touristenmekka, was die Tiere in ihrer Existenz bedroht: Schon wiederholt blieben sie in vergangenen Sommern ihrem angestammten Gebiet fern. Von einer Wanderung durch Petaloudes während der Schmetterlingszeit sollte man also unbedingt absehen.

Lindos an der Ostküste von Rhodos gilt als eine der malerischsten Städte in der Ägäis überhaupt. Der kleine Ort, der aus ein paar Dutzend weißgetünchter kubischer Häuser besteht, schmiegt sich friedvoll an einen Berghang, auf dessen Höhen rücken Reste einer antiken Akropolis und einer Ritterburg der Johanniter zu sehen sind. Esel, die hier als Lindos-Taxis angepriesen werden (denn der Ort ist für jeglichen Autoverkehr gesperrt), ersparen den Urlaubern den mühevollen Anstieg zu den Ausgrabungsstätten aus Antike und Mittelalter. Von hier oben ist der Ausblick einfach überwältigend.

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