Vergebung und Empathie: Eigenschaften eines guten Chefs?

Wenn wir vergeben können, werden wir zu besseren Menschen. Aber ist ein Chef, der vergeben kann und emphatisch ist, ein besserer Chef?

Empörung und Rachgier sind häufige Reaktionen vieler Führungskräfte, wenn ein Fehler passiert. Aber was transformative Führungskräfte- also Personen, die ein Unternehmen leiten und lenken und das Potential der Mitarbeiter und der Branche kennen- von gewöhnlichen unterscheidet, ist die Fähigkeit zu vergeben: die Gefühle der Unmut und Erbitterung einfach loszulassen und konstruktiv sein. Transformative Führungskräfte verstehen, wie sich diese Gefühle auf die Unternehmenskultur auswirken können, wie sie Chaos verursachen können und die Weiterentwicklung der Mitarbeiter behindern können.

Angstkultur

Laut Manfred Kets de Vries, Professor im Bereich der Executive Education an der INSEAD Business School, herrsche heutzutage in vielen Unternehmen eine Angstkultur und Paranoia. Angestellte haben Angst, Fehler zu begehen was äußerst kontraproduktiv ist. Befürchten Mitarbeiter nämlich aufgrund eines Fehlgriffs entlassen werden zu können, trauen sie sich nicht, in der Arbeit etwas Neues auszuprobieren. Damit wird die Kreativität und Weiterentwicklung der Mitarbeiter unterdrückt.

Führungskräfte hingegen, die die Fehler tolerieren und sie als Lernmöglichkeiten sehen, schaffen eine positive und nachhaltige Unternehmenskultur. Vergebung am Arbeitsplatz ermöglicht es Team-Mitgliedern neue Lösungen zu riskieren, kreativ und innovativ zu sein, zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Zudem fördert sie Loyalität und proaktives Verhalten im Team.

Negative Gefühle loslassen

Zahlreiche Studien, wie die Gallup-Studie von 2012, zeigen, dass Gefühle wie Hass oder Erbitterung eine negative Wirkung auf die psychische und physische Verfassung des Menschen haben und sich auch negativ auf die Leistung auswirken können. Sie können Belastungsstörungen, Depressionen, Angstgefühle, Neurose oder sogar frühen Tod verursachen. Vergebung hingegen fördert die Psychohygiene, aber auch die körperliche Gesundheit. Menschen, die vergeben können, haben mit weniger Stress, Angst, hohem Blutdruck, Herzkrankheiten oder Alkoholmissbrauch zu kämpfen.

Vergeben lernen

Heutzutage hängt das Arbeitsleben sehr stark von den zwischenmenschlichen Beziehungen und dem sozialen Netzwerk ab. Demnach ist das Risiko, dass man sich mit Fehlern und Problemen auf der Beziehungsebene auseinandersetzt, groß. Das Eisberg-Modell verweist etwa auf verschiedene Kommunikationsebenen, die nicht immer offensichtlich sein müssen. Diesem Prinzip zufolge ist nur ein kleiner Teil der Kommunikation offensichtlich und wird richtig verstanden. Der Großteil der Botschaft bleibt aber, ähnlich wie bei einem Eisberg, unter der Wasseroberfläche verborgen. Hierbei handelt es sich um die Informationen der Beziehungsebene, die anders als die Informationen der Sachebene nicht direkt wahrgenommen werden, die Kommunikation aber beeinflussen und somit auch das Verhalten. Aus diesem Grund ist es für eine erfolgreiche Unternehmenskommunikation und -kultur essentiell, mit Fehlern und Regelüberschreitung richtig umzugehen.

Einer der wichtigsten Aspekte ist die Empathie, d.h. die Fähigkeit, sich in die Entscheidungen und Einstellungen anderer Menschen einzufühlen: Wieso geht die Person so vor? Wieso trifft sie diese Entscheidung? Wieso begeht sie einen Fehler?

Neben Empathie ist auch die Selbstkontrolle auf emotionaler Ebene sehr wichtig. Dabei soll man das Gefühl der Unmut erkennen und mit diesem umgehen lernen. Wenn man mit einem Problem konfrontiert wird, so Kets de Vries, solle man sich zuerst beruhigen und pragmatisch nachdenken. Dabei gelte es laut dem Experten zu akzeptieren, dass alle Erfahrungen im Leben, ob positiv oder negativ, zu einem Lernprozess gehören und uns bereichern.

Vergeben aber nicht vergessen

Vergeben heißt nicht gleich vergessen. Vielmehr geht es darum auch im beruflichen Umfeld eigene Fehler und die anderer zu akzeptieren, aus ihnen zu lernen und wenn möglich diese zu beheben. Die Frage, ob ein empathischer Chef ein besserer Vorgesetzter sei als einer, der nicht gemeinsam mit seinen Mitarbeitern an einer Problemlösung arbeiten möchte, kann nur schwer beantwortet werden und hängt auch von der Situation ab. Auf jeden Fall, so betont auch Kets de Vries sei die Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten wichtig, ebenso wie Teamwork und gegenseitiges Vertrauen in die Person und ihre Arbeit.

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